Texte

Rita Jorek, Journalistin/ Kunstwissenschaftlerin

Rede zur Ausstellungseröffnung am 13. Februar 2010

Das Gedicht von Sarah Kirsch aus den 60er Jahren stelle ich in diese Ausstellung hinein, dabei sollte ich Verse von der Dichterin, Malerin, Grafikerin, Buchgestalterin, Buchbinderin Constanze Zorn zitieren. Es gibt Verbindendes der vielseitig Schaffenden mit der Schriftstellerin Sarah Kirsch, deren Gedicht“ Der kleine Prinz“ sie zu dem großen hochformatigen, also dem Himmel zustrebenden Bild, das hier zu sehen ist, anstachelte. Dazu entstand ebenfalls eine ihrer charaktervollen, eloquenten Tuschzeichnungen. Vor zwei Jahren hingen sie im Haus des Buches in der GEDOK-Ausstellung “Stachelige Sterne – Zu Sarah Kirsch“. Verbindendes, vielleicht sogar Verwandtschaftliches lässt sich auch zu dem französischen Flieger und Schriftsteller Saint-Exupery aufspüren, der mit seinem Leben und seinem Werk das Fliegen, das Schweben, das Stürzen, das Auf und Ab vom Märchen in die Realität verwandelte und umgekehrt. Er sah die Erde über sich und ging auf Wolken. Weit fort von den Städten, wo alles Kopf steht, ist er, von Städten, deren Schornsteine er nicht mehr erreicht, fort von seiner Wohnung – nur das Glitzern seiner Fenster sieht er. In den großen Gesten, hat Constanze Zorn solche Gedankenbilder in ihre Lineaturen, in die von ihr kreierten Spannungsbögen umgesetzt. Mehr noch als die Farben, die sie sehr liebt und bedeutungsvoll verwendet, wie das wunderbare Rot, aus dem der Gedanke kreist, ist es das tiefe Schwarz auf weißem Papier, auf weißem Grund, das zu erstaunlichen, wunderbaren Variationen ihrer Handschrift verführt.
Dem Starken, Festen, Klaren stehen Zartes, Feines, Ätherisches gegenüber. Oder das eine scheint aus dem anderen geboren, wie die Bild gewordene Musik aus der Stirn der Lauschenden, einer dieser zart angedeuteten Köpfe. Töne und Träume sind neben Farben und ihre Reduktion auf Schwarz-Weiß und das dazwischen stehende Grau weiter Komponenten, aus der Constanze Zorns Bilder und ihre Bücher entstehen.

Die Gedankentiefe und Weisheit chinesischer und japanischer Griffelkunst vergegenwärtigt Constanze Zorn in ihren Büchern, die von Anfang an zum Gesamtkunstwerk hin tendieren und die höchstmögliche Einheit der Elemente, von der Wahl des Papiers über den Einsatz von dem Text angemessenen Schriften bis zu eigenen Illustrationen und dem solitären Einband mit schlichtem Titel oder einer signifikanten Blindprägung erreichen. Und sie wird zur Gestalterin ihrer eigenen Geschichten und Gedichte.

Schon ihrer Diplomarbeit, dieses wunderschöne Buch zu Edgar allen Poes phantastischen Erzählungen „ Die Maske des roten Todes“, ausklappbar zu einem Leporello, verbindet Schrift, farbige Papiere, rotem Einband mit eingeprägtem Maskenemblem mit ihren eruptiven Zeichnungen.

Ihre Gedanken kreisen um die Bildwerdung, und ihre Bilder verinnerlichen die Erkenntnis. So ist es, wenn Constanze Zorn über die verschiedenen Charaktere eines Steins und einer Feder nachsinnt, um dem Gegensätzlichen auf die Spur zu kommen. Der feste Stein muss unten liegen bleiben, die leichte Feder steigt hoch in die Lüfte, schwebt. Schließlich erfreuen sie sich daran, im Bewusstsein der Eigenheiten des anderen, sie selbst zu sein: „ Beide sind Feder und Stein, so wie schwarze Tusche auf weißem Papier“. Zu dieser Erkenntnis führen die Exerzitien

Ihrer Parabel auf intensive Weise und geben Einblick in ihre Gedanken- und Schaffenswelt. Der nähern wir uns speziell über ihre Abhandlungen „ Reise zu den klingenden Farben“ und „ Dem Grau Ehre“. Synergetische Beziehungen zwischen Musik und Malerei und der Bedeutungsgehalt der Farben erschließen sich in dem erstgenannten Bändchen, und dem Grau wird in dem Künstlerbuch mit eigenen Gedichten und zartesten grafischen Zugaben auf handgeschöpftem Büttenpapier tatsächlich alle Ehre erwiesen. Den meditativen Charakter ihres Schaffens deutet Constanze Zorn in dem ersten Gedicht an, das dem Büchlein den Titel gab:

Dem Grau Ehre

Wenn der Verstand sich ausschaltet

Und der Ewigkeit den Vortritt lässt

Mit leichtem Sein

Die Mitte wählt

Und Reibung von Schwarz und Weiß

Dem Grau Ehre erweist

Sind wir zu uns gekommen

Mit diesem Versen überlasse ich sie den Bildern, Büchern und Bilderbüchern von Constanze Zorn.

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